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  • Rahel

Auf norwegischen Gipfeln

Nicht weit von Vaksdal liegt Bergsdahlen, eine Bergkette auf der meine Wanderroute lag. Ich hatte sie über den norwegischen Wanderverein gefunden und lud sie runter. Es war eine viertägige Wanderung auf einer Höhe zwischen 650˗1100mü.M.. Am Ende jeder Etappe gab es eine kleine Selbstversorger˗Hütte in der man schlafen konnte, falls man kein eigenes Zelt dabei hatte.

Vor einigen Jahren hatte ich mir eine Hängematte gekauft und dachte, es wäre eine gute Idee diese mitzunehmen, anstatt ein neues Zelt zu kaufen. Also besorgte ich mir nur noch ein Tab, für regnerische Zeiten und dachte, ich wäre super ausgerüstet. Wie falsch ich doch gelegen habe…

Bevor es morgens losging fuhr mein Host mich zum Startpunkt der Wanderung . Hier kaufte ich noch ein paar Müsliriegel und Couscous ein. Und dann ging´s los.


Die ersten beiden Kilometer waren die schlimmsten, denn es kamen direkt knappe 650 Höhenmeter dazu. Wie bereits erwähnt, war mein Rucksack nicht wirklich der Leichteste und Halleluja! Ich hatte noch nie so lange für einen Kilometer gebraucht wie an diesem ersten Tag! Mit dem Schweiß  kamen auch schon die ersten Zweifel. Als ich endlich oben auf dem Hochplateao ankam, ließ der der nächste Schlag nicht auf sich warten. In Norwegen liegt die Baumgrenze erheblich niedriger als in Deutschland. Nachdem ich die 500m Grenze überschritten hatte, wurden Bäume zu einer Rarität und meine Idee von gemütlichen Nächten in meiner Hängematte war nur mehr ein Plan des Unmöglichen. Zu diesem Zeitpunkt war ich innerlich sehr zwiegespalten. Die Landschaft um mich herum war atemberaubend schön und wild, ich hatte keinen Ort zum schlafen, da die Möglichkeit meine Hängematte zwischen Steinfelsen aufzuhängen sehr gering war. Außerdem merkte ich, wie ich stetig meine Kraft verlor und müder wurde. Mein schwerer Rucksack machte mich noch langsamer als ich ohnehin schon war und ich versuchte mich von meiner stetig wachsenden Frustration nicht unterkriegen zu lassen. Nach sechs Kilometern und genau so vielen Stunden entschied ich mich ein Ort für die Nacht zu suchen. Nachdem ich ein gutes Plätzchen fand, fiel mir auf, dass meine Befestigungsbänder meiner Hängematte nicht dabei waren. Ich verfluchte mich noch ein wenig mehr. Schließlich legte ich meine Hängematte als Unterlage auf die Steine, sodass meine Isomatte nicht so schnell beschädigt werden konnte. Ich legte noch meinen Schlafsack und Kissen dazu und über alles spannte ich, so gut es ging, mein Tab.

 

Abgesehen davon, dass es taute, ich durch den schrägen Untergrund immer runter rutschte und mein Kopf von Selbstzweifel und -anschuldigungen überflutet wurde, war die Nacht ganz okay.



Am vorherigen Tag hatte ich nicht mal die Hälfte der ersten Etappe geschafft und nahm mir vor heute die restlichen 9km hinter mich zu kriegen. Ich hoffte sehr, dass die Hütte geöffnet war, oder es wenigstens eine überdachte Stelle zum Schlafen geben würde, denn ich wusste, dass es nicht mehr lange trocken bleiben würde. Gegen Mittag setze dann auch der erwartete Regen ein. Zum Glück meist nur ein kleiner Nieselschauer.

Die Route war wunderschön. Felsige Berglandschaften, dann ein grünes Tal, Seen die sich aneinander reihten und von kleinen Flüssen und Wasserfällen verbunden waren. Meine einzigen Begleiter waren Schafe. An jeder Ecke traf ich eine neue Schafsfamilie. Einige waren neugierig und kamen auf mich zu, andere liefen, sobald sie mich hörten, vor mir weg. Manchmal gab es zwischen uns auch einfach nur einen Starrkampf.

Während der ganzen neun Kilometer, die ich zur Hütte wanderte, ging ich verschiedenen Szenarien eines möglichen Endes meiner Wanderung durch. Wild campen war hier oben mit meiner Ausrüstung nicht machbar. Was war, wenn eine der noch kommenden Hütten verschlossen sein würde? Was sollte ich überhaupt am Ende meiner Wanderung machen. Ich käme irgendwo im Nirgendwo aus und wie würde es von da aus weiter gehen?

Ich war geplagt von Selbstzweifel, hatte kein Internet um mögliche Unterkünfte zu buchen, geschweige denn um zu googeln, ob die Hütten offen oder verschlossen waren.

Doch ich hatte Glück! Als ich gegen Nachmittag in leichtem Nieselregen das Ende der Etappe erreichte, fand ich die Hütte offen und verlassen vor. Sie lag oberhalb eines relativ großen Bergsees. Hier und da gab es ein paar Sträucher und ansonsten grüne Wiese und viel Gestein. Ich nahm mir Zeit zum ankommen und verschuf mir einen Rundumblick. Würde der aufkommende Sturm nicht immer schlimmer werde, wäre ich liebend gerne in den See gesprungen  So blieb ich oben, kochte mir was zu essen und journelte. Das Wichtigste war nun die Sortierung meiner Gedanken. Nebenbei las ich auch das Gästebuch, das mich ablenkte und irgendwie melancholisch werden ließ. Diese Hütte war für viele vor mir schon ein Lichtblick gewesen.



Die Selbstversorgerhütte gehört dem norwegischen Wanderverein (UT). Beim erforschen fand ich auch verschiedene Preislisten für einerseits die Übernachtungen und zum anderen für das Essen, welches der UT zur Verfügung stellt. Ab diesem Zeitpunkt an war meine Entscheidung getroffen. Ich würde zurück wandern. Das Konzept der Hütten fand ich großartig und wollte es nicht bewusst ausnutzen.

Am nächsten Morgen begann ich den Rückweg. Die ersten 5km musste ich den selben Weg zurück wander und nahm ab einem Wanderkreuz den direkten Weg nach Vaksdal. An der Wegbiegung hatte ich sogar für kurze Zeit Internet und ich schrieb auf gut Glück Graham an, ob ich noch einmal für ein paar Nächte bei ihm schlafen könne. Ich genoss die letzten 11km meiner Wanderung und versuchte mich von der Richtigkeit meiner Entscheidung zu überzeugen. Davon, das ich nicht schwach bin, sondern eher stark, da ich einsah, dass die Weiterführung meiner Wanderung schwachsinnig war. Davon, dass ich nun wusste, dass mir Weitwanderungen Spaß machen würden.

Für die kommenden Tage würde ich wieder bei Graham unterkommen. Ich hatte Zeit mich auszuruhen und konnte meine letzten Tage in Norwegen planen.

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