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Die Schattenseiten des Volontourismus

Warum gute Absichten nicht ausreichen


Nach der Schule wird man überhäuft mit Möglichkeiten. All die Chancen werden vor einem ausgebreitet, stolz, dass die Gesellschaft es endlich dahin geschafft hat, dass man vollkommen frei seine Zukunft aussuchen d

arf und die ganze Welt vernetzt ist. Die Chance des Lebens und dazu die große Freiheit; wär nicht jeder nochmal gerne 20?


Es stimmt. Natürlich stimmt es, dass die meisten Menschen in unserem Land sich inzwischen frei entwickeln können und dafür unendlich dankbar sein sollten. Das Problem dabei ist nur, dass man mit einem Mal eine riesige Verantwortung bekommt und leicht von dem Gefühl überwältigt wird, diese einmalige Möglichkeit nun bis zur Perfektion auszunutzen. Plötzlich soll man auf Knopfdruck glücklich sein und seine Träume verfolgen. Auf Social Media wird man überhäuft mit Projekten, die man machen kann. Von Reisen durch die Pampa Australiens bis hin zu Umweltprojekten, in denen man Schildkrötenbabys aus Plastiknetzen befreit und dafür pro Woche zweitausend Euro zahlen muss. Es gibt eine ganze Menge Volontourismus Projekte da draußen und wer nicht weiß, worum es sich dabei handelt, bekommt hier nochmal eine kleine Zusammenfassung:

Beim Volontourismus geht es um eine scheinbar ideale Mischung aus Reisen und sozialem Engagement. Es ermöglicht jungen Menschen während ihres Urlaubs Freiwilligenarbeit zu leisten, sei es in Naturschutzprojekten, Bildungsinitiativen oder medizinische Hilfe. Es ist verständlich, dass in der Phase der Orientierungslosigkeit solche Projekte als Rettungsanker erscheinen. Doch hinter den gut gemeinten Absichten verbergen sich oft kritische Aspekte, die kaum thematisiert werden, denn die Realität sieht oft anders aus.


Ein Hauptproblem des Volontourismus liegt in der kurzfristigen Ausrichtung vieler Projekte. Freiwillige kommen für kurze Zeit, leisten Hilfe, und verschwinden dann wieder. Diese kurzfristige Hilfe kann jedoch die Abhängigkeit der Gemeinschaften von externer Unterstützung verstärken, wodurch langfristige Selbstversorgung und Entwicklung vernachlässigt wird.


Ein weiterer kritischer Punkt ist die Qualifikation der Freiwilligen. In vielen Fällen sind diese nicht ausreichend befähigt, um komplexe Aufgaben in den Bereichen Medizin, Pädagogik oder Soziales zu bewältigen. Dies kann zu einer Situation führen, in der die Hilfe mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Viele Freiwillige sehen sich dabei gerne als Retter, oft wird auch genau das vermittelt, wobei nur selten die Bedürfnisse und Perspektiven der einheimischen Bevölkerung berücksichtigt werden. Dies kann zu einer erniedrigenden Situation führen, in der sich die einheimische Bevölkerung von den gut gemeinten Aktionen der Freiwilligen entmündigt fühlt. Man könnte es vermutlich auch zum „White Savior Complex“ zählen.

Der kulturelle Unterschied zwischen den Freiwilligen und den Gemeinschaften vor Ort ist eine weitere Herausforderung. Unbewusste kulturelle Sensibilität kann zu Missverständnissen und Konflikten führen, da lokale Bräuche und Werte verletzt werden können.

Die Kommerzialisierung des Volontourismus ist ein nicht zu unterschätzendes Problem. Einige Organisationen nutzen es als lukratives Geschäft, verlangen hohe Gebühren von den Freiwilligen, ohne sicherzustellen, dass das Geld tatsächlich in die unterstützten Gemeinschaften fließt. Dies führt zu einer Verzerrung der eigentlichen Hilfsintention.


Der Grundgedanke ist trotz all diesen Punkten natürlich sinnvoll. Zu versuchen statt bloß zu reisen, auch etwas Sinnvolles zu tun und Menschen zu unterstützen, während man die Kultur erlebt ist extrem wichtig. Die Frage ist nur, ob die angepriesenen „Save the Turtles“ Aktionen das vermitteln, oder ob man sich nicht doch eher an eine örtliche Organisation wenden sollte, deren Versprechungen nicht ganz so Türkis und sonnig klingen, jedoch dem eigentlichen Ziel sehr viel näherkommen.

Natürlich ist es anstrengend, sich nach all der Verwirrung und Selbstfindungszeit auch noch intensiv mit der Recherche nach guten Organisationen herumzuschlagen, doch leider gehört es dazu, wenn man wirklich nachhaltig an dieser Art von Projekt teilnehmen möchte. Die Auswahl von langfristig angelegten, nachhaltigen Projekten ist entscheidend, um die Abhängigkeit von kurzfristiger Hilfe zu vermeiden. Zudem muss man sich im Voraus natürlich bewusst sein, ob man wirklich bereit ist, sich auf eine andere Kultur einzulassen und ggf. auch eine neue Sprache zu lernen, statt sich mit der Fassade zufrieden zu geben, die viele Tourismus-Organisationen als reales Bild vermitteln.

Volontourismus kann teuer sein, und es ist nicht immer gewährleistet, dass das Geld direkt in die Gemeinschaften fließt. Eine kritische Haltung gegenüber kommerzialisierten Angeboten und die Auswahl von Organisationen mit transparenten Finanzpraktiken sind also ebenfalls wichtig.



Insgesamt kann Volontourismus eine lohnende Erfahrung sein, wenn er verantwortungsbewusst praktiziert wird. Es ermöglicht Reisenden nicht nur, die Welt zu erkunden, sondern auch einen positiven Einfluss auf Gemeinschaften in Not auszuüben. Die kritische Reflexion über die eigenen Motivationen und die Bereitschaft, sich wirklich auf die Bedürfnisse der unterstützten Gemeinschaften einzulassen, sind dabei entscheidend. Volontourismus sollte nicht als Selbstzweck, sondern als Möglichkeit für nachhaltige positive Veränderungen verstanden werden. Ich möchte niemanden davon abhalten, sich für solche Projekte zu engagierten. Im Gegenteil. In diesem Artikel möchte ich einzig und allein die kritischen Aspekte dieser Angebote erleuchten, um zu verhindern, dass man am Ende das Gegenteil bewirkt, was man sich eigentlich vorgenommen hatte, nur weil man selbst jung, unerfahren und bombardiert mit Angeboten ist. Auf YouTube gibt es viele gute Videos zu dem Thema, die sich intensiver mit der Struktur dahinter beschäftigen und in denen verschiedene Menschen zu Wort kommen.



Quellen:

https://www.deutschlandfunk.de/anders-reisen-fuer-und-wider-von-voluntourismus-100.html

https://www.nytimes.com/2016/03/22/magazine/the-voluntourists-dilemma.html


Bilder:

https://www.flickr.com/photos/wanhoff/2075642162

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/7f/Australian_volunteer_Tamara_Baillie_worked_as_a_business_development_officer_with_the_Thanh_Xuan_Organic_project_in_Vietnam%2C_2010._Photo-_Tamara_Baillie_-_AusAID_%2810676205523%29.jpg

https://www.flickr.com/photos/hugitforward/16158185172/


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