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Durch Bukarest und Sofia

Mit dem Zug quer durch den Osten Europas


“Pass auf, Bulgarien ist ein anderes Pflaster.”, sagte mir Beatrice an meinem letzten Tag in der Redaktion. Ich glaubte ihr.

Am nächsten Morgen nahm ich den ersten Zug in die Hauptstadt Rumäniens, stand um viertel vor fünf am Bahnhof und fror. Mit mir zusammen warteten die unterschiedlichsten Gestalten; eine Familie mit wegdämmernden Kindern auf den Bänken, zwei alte Männer, die sich lachend über den Bahnhof zu unterhalten schienen, ein Roma Pärchen mit bunten Kleidern und eine Frau im Kostüm, die angestrengt auf ihrem Handy herumtippte am von uns allen am wachesten aussah.


Die Zugfahrt nach Bukarest dauerte fünf Stunden und schlängelte sich durch die Karpaten, die mit der aufgehenden Sonne goldenen schimmerten. Als wir schließlich ankamen, kaufte ich mir ein labberiges Gebäckstück am Bahnhof, von dem ich sofort Magenschmerzen bekam, nachdem ich es gegessen hatte. Dann begann ich in Richtung des Zentrums zu laufen. Die Häuser, die mich umgaben, strahlten eine alte, heruntergekommene Eleganz aus. Die Fassaden waren bröckelig, doch die Ornamente stachen noch heraus. Die Straßen waren vermüllt, mehrere Katzen streiften um die Zähne und Mauern und an jeder Ecke war Straßenkunst. Ich lief durch eine Gasse, in der es von Kunstbedarfsläden nur so wimmelte, dann erreichte ich die Innenstadt, in der die Gebäude etwas renovierter waren. Als ich über eine leere Straße ging, stand plötzlich ein Mann mit verschlissener Kleidung dicht neben mir und brüllte mir ins Gesicht. Selten hatte ich mich vor etwas so erschrocken. Ich stolperte rückwärts, mein Herz raste, doch dann war er schon wieder weg. Etwas verstört lief ich weiter durch das Zentrum und beruhigte mich wieder etwas.

In jeder Straße schien jemand Anderes Straßenmusik zu machen. Ich setzte mich auf die Treppe eines Gebäudes und begann zu malen. So überbrückte ich die Zeit, bis ich endlich zu meinem Hostel ging.

Was Hostels angeht, habe ich inzwischen drei Erwartungen: keine, keine Drogen und keine Männer, die in irgendwelchen Ecken sitzen und einen anstarren. Mein Hostel schien diese Erwartungen zu erfüllen und dafür war ich sehr dankbar.

Den restlichen Tag und auch den nächsten Morgen verbrachte ich damit, durch die Stadt zu laufen und die Gebäude zu malen. Insgesamt hatte ich drei Konversationen mit Leuten aus Bukarest.

1. Ein müder Mann, der hinter der Theke des Hostels saß:

„Hello.“

„Hi.“

„You booked?“

„Yes.“

„You got cash?“

„Yes.“

„Your room is 43.”

“Thanks.”

2. Ein älterer Typ, der einen Park kehrt:

“Guten Morgen!” (auf Deutsch)

„Guten Morgen.“ (Ich antworte auf Deutsch)

„Vous êtes français?“

„No German.“

„Ahh, avec Hitler!”

Er macht den Gruß. Ich gehe.

3. Am nächsten Morgen in einem Supermarkt, bevor ich zurück zum Bahnhof laufe, eine nett lächelnde Kassiererin:

“You need a bag?”

Ich halte mich für lustig und zeige auf meinen Rucksack: „Well, I already got one.“

Sie guckt hilfesuchend zu ihrem Kollegen und lacht dann aus Höflichkeit. Ich fühle mich wie ein Vater, der einen Flachwitz zu viel erzählt hat und nun von seinen Kindern belächelt wird.


Am nächsten Morgen verließ ich Bukarest gegen elf. Mit meinem Rucksack stapfte ich zum Bahnhof und fühlte mich dabei wie ein Käfer, der seinen Panzer überall mit sich herumschleppen. Ich hatte etwas Respekt vor der Zugfahrt, die zehn Stunden dauert würde und mich über die Grenze brachte. Wenigstens war es nicht Nacht und die Schaffner schienen mir in Rumänien herzlicher vorzukommen, als die aus Ungarn. Also setzte ich mich auf meinen Platz (welchen ich diesmal reserviert hatte) und sah aus dem Fenster. Nach einigen Minuten kam eine ältere Frau in das Abteil, ihr Mann schleppte hinter ihr mehrere Taschen. Ich lächelte, jedoch etwas gezwungen, und befürchtete, dass nun wieder eine Aktion wie von dem Ehepaar aus Ungarn stattfinden würde; ein Umzug über eine Landesgrenze mit eingelegtem Gemüse und geschnittenen Fußnägeln. Doch ich täuschte mich; Patty und Blair kamen aus Kanada und feierten ihre goldenen Hochzeit damit, durch Osteuropa mit dem Zug zu reisen. Zwar hätten ihre Koffer auch für einen Umzug gereicht, doch sie erzählten mir stolz von ihren Geschenken, die sie für ihre Enkel kauften und in den Koffern verstauten. Schließlich präsentierten sie mir eine Tüte mit Currywurst Chips, die sicherlich auch mal bessere Tage gesehen hatte.


Die Zugfahrt wurde zu einer der schönsten, die ich je erlebte. Mit den beiden im Abteil fühlte ich mich sicher, sie fuhren ebenfalls die gesamte Strecke bis nach Sofia und wir redeten viel. An der Grenze zu Bulgarien blieb der Zug stehen und hielt lange an einem verlassenen Bahnhof. Es war gut, nicht allein zu sein mit dem Unwissen, was da eigentlich gerade passierte. Die Aussicht aus dem Zug war, besonders in dem Gebirge kurz vor Sofia, atemberaubend. Es hatte einen kupferfarbenen Stein und wilde Formationen mit Höhlen und Plateaus. Flüsse schlängelten sich durch die Felsen und ab und an tauchten kleinere Dörfer auf, in denen Hunde und Hühner über die Straßen liefen. Patty, Blair und ich hingen an den Fenstern und sahen nach draußen. Der Fahrtwind brannte in den Augen, meine Finger schmerzen von dem ständigen Aufdrücken, doch ich war gebannt von der Aussicht.

Als wir schließlich in Sofia ankamen, war ich traurig, die beiden wieder verlassen zu müssen, doch sie gaben mir ihre E-Mail Adresse. Es war Nacht, als ich durch die Stadt bis zu meinem Hostel lief. Die Straßen, besonders in der Nähe des Bahnhofs, waren mir sehr suspekt und hätte ich nicht mit meinem Freund telefoniert und mein Pfefferspray fest umklammert, wäre ich wohl die ganze Strecke gerannt.


Im Hostel angekommen, duschte ich lange, dann schlief ich sofort ein und sah mir am nächsten Morgen wieder die Stadt an. Sofia kam mir so vor, wie ich mir immer New York im Herbst vorgestellt hatte. Es gab sogar einen Park, der dem Central Park sehr stark ähnelte. Die Straßen waren meist gerade, überall gab es kleine Cafés und in der Nähe der Universität sammelten sich die Studierenden in ausgefallenen Klamotten. Ähnlich wie in Bukarest lief ich einfach durch die Gegend, malte, hörte ein Hörbuch, versuchte das Kyrillisch zu lesen oder beobachtete die Menschen. Das Kunstmuseum von Sofia begeisterte mich sehr, lange sah ich mir die Ausstellungen an, dann ging ich weiter. In einem Park setzte sich plötzlich eine kleine, alte Frau neben mich und starre die Karte an, die ich gerade malte. Ich lächelte sie an und sie schenkte mir ein breites, zahnloses Grinsen mit tausend kleinen Falten. Mit zittrigen Händen deutete sie auf das Bild, dann auf das Gebäude vor mir und sagte etwas auf Bulgarisch. Ich hob nur verständnislos die Schultern und sagte ihr auf Englisch, dass ich sie nicht verstand. Sie nickte nur glücklich und redete weiter, ich lächelte und als ich fertig war, nahm sie die Karte in die wackelnde Hand und nickte zufrieden. Ich wollte sie ihr schenken, doch sie schien mich nicht zu verstehen. Schließlich verabschiedete ich mich von ihr. Sie hob einen kleinen Arm, lächelte breit und sagte ein kratziges „Goodbye.“

Es waren zwei gute Tage, die ich dort verbrachte. In der Nacht des zweiten Tages fuhr ich dann zum Flughafen, wo ich schlief und am nächsten Tag um fünf Uhr morgens meinen Flieger nach Hamburg nahm. Diese ganze Strecke, die ich mit vierzig Stunden Zugfahrt hinter mich gebracht hatte, dauerte mit dem Flugzeug nur knapp drei Stunden und kostete mich hundertfünfzig Euro weniger. Als ich endlich ankam, war ich völlig fertig, aber sehr glücklich.





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